Vortrag, ca. 90 min.
Klänge eröffnen Räume. Das Läuten einer Kirchenglocke versammelt die Hörenden in einem gemeinsamen, unsichtbaren Raum, der im Gebet sogar Gott einbezieht. Auch der Erzählstoff vom Gottesdienst der Toten arbeitet seit dem Frühmittelalter mit einem solchen virtuellen Klangraum – doch seine Bedeutung wandelt sich radikal. In den früh- und hochmittelalterlichen Legenden erscheint der Klangraum der Kirche als Ort des Heils und der Gewissheit. Seit der Reformation kippt diese Funktion: Der gleiche Raum wird zum irritierenden Zwischenreich, später zum Schauplatz des Unheimlichen, bis er in der Moderne zum Ort existenzieller Verunsicherung und des Grauens geworden ist. Der Vortrag verfolgt diese tausendjährige Transformation eines einzigen Erzählstoffs und zeigt, wie sich an ihm die Verschiebungen religiöser, kultureller und ästhetischer Wahrnehmung ablesen lassen.


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